DIE SINISTRA

Prolog - Fortsetzung 1


Pullman stand in einer riesigen Halle voller Schrott und ausgemusterter Automatons. Überall zischte und dampfte es. Im Hintergrund hörte man das beständige Brummen der Schmelzöfen. Sich unbemerkt bis in die Verwertungszone durchzuschleichen war dank der überaus aufschlussreichen Karte ein Kinderspiel gewesen. Jetzt musste er in diesem Chaos aus Einzelteilen und Schrott nur noch Zähler finden.

Durch das gewaltige Rolltor am Eingang liefen drei der der ewig rasselnden Förderbänder. Davor standen mehrere Reihen von exakt jenen Transportboxen, wie Zähler sie vor nicht ganz einer halben Stunde betreten hatte. In der Zwischenzeit war Pullmans Automaton bestimmt abgeschaltet worden, doch in seinem Inneren gab es einen verborgenen Schaltkreis, der unabhängig von anderen Energieversogern lief. Und Pullman sorgte mittels einer kleinen Fernsteuerung dafür, dass dieser Schaltkreis jetzt alle anderen wieder hochfahren würde.

Nicht lange, dann konnte man von einer der Boxen ein Rumpeln und ein leises Quietschen vernehmen. Mit der Vorsicht eines Bulldozers stemmte Zähler das Tor seines kleinen Gefängnisses von innen auf.

„Schön Sie wiederzusehen“, kam es aus dem Lautsprecherfeld im Gesicht.

„Spar dir die Floskeln! Und nun halt erst mal die Füße still, bevor der Laden hier noch mitbekommt, dass er ein paar ungeladene Gäste hat. Setz dich hin!“

Angenehm kommentarlos tat Pullmans mechanischer Partner, wie ihm befohlen worden war. Pullman arretierte die schwarzen Gummistreifen wieder unter seinen Füßen. Danach behandelte er Zählers Gelenke und andere offenliegende bewegliche Teile mit einem Spezialöl. Dank dieses kleinen Cocktails würde man nur noch etwas von Zählers Masse hören können, wenn man direkt neben ihm stand.

„Angriffsmodus Eins!“, befahl Pullman.

Zählers rechter Unterarm klappte auf, aber statt der eingebauten Waffe sprang Pullman ein schwerer Automatikblaster in die Arme. Ein Ersatz für Zählers fehlende Bewaffnung fand sich problemlos zwischen den verschrotteten Resten im nächsten Hallenabschnitt. Munition hatte Pullman reichlich selbst mitgebracht.

Sie luden die Waffen durch, die Statusdioden wechselten von „Hundert Prozent aufgeladen“ auf „Einsatzbereit“ und der Prämienhund und sein Kampfroboter ließen die Verwertungshalle hinter sich.

Es lief alles wie geschmiert, bis sie in den steril erscheinenden Hauptkorridor vor der Forschungsabteilung abbogen.

Zähler hob die massige Hand.

„Halt! Meine Sensoren registrieren Schrittgeräusche.“

Die Worte waren noch nicht ganz in Pullmans Verstand vorgedrungen, da eröffnete jemand von hinten das Feuer auf sie.

‚Stiller Alarm’, war alles, was Pullman dachte, dann funktionierte er nur noch. Für Zähler kam die eigene Warnung zu spät. Während um Pullman herum die Laserblitze einschlugen, hatten drei der Uniformierten aus der Angreifergruppe den Droiden mit Magnetharpunen getroffen. Lähmende Impulse zwangen Zähler in die Knie. Seine Videosensoren erloschen und steif krachte er in den Gang.

Pullman ging nicht mal in Deckung. Er nahm den Fall seines Partners nur am Rande wahr, feuerte und wich dem feindlichen Beschuss mit katzenartiger Gewandtheit aus. Zwei von den zehn Angreifern fielen durch seine roten Lichtgeschosse. Die anderen sprangen wieder zurück zu der Ecke, um die sie gerade gekommen waren.

Das gab ihm genügend Zeit, die drei Penner, die immer noch an dem bewegungslosen Zähler zerrten, auszuschalten. Mit erstickten Schreien und rauchenden Löchern in den Uniformen blieben sie im Gang liegen.

Pullman klinkte eine Brandgranate auf den Lauf seines Gewehres und heizte seinen Gegnern im wahrsten Sinne des Wortes ein.

Sterling Crane hatte seinerzeit mal gesagt, Pullman kämpfe wie eine Maschine und dass er deswegen so gut mit Zähler auskäme. Pullman hatte das immer für jenes provozierende Gewäsch gehalten, wie es unter Prämienhunden zum guten Ton gehörte. Viele Menschen in Trentagon gaben sich fast ausschließlich mit elektronischen Wesen ab. Automatons waren eben erheblich einfacher im Umgang als Personen aus Fleisch und Blut. Zähler konnte einem zwar gehörig auf den Geist gehen, aber wenn´s drauf ankam, wusste man immer, wo sein Ausschaltknopf war.

Pullman fing an zu würgen, weil die Luft knapp wurde. Die Taktik des Prämienhundes ging auf. Zufrieden stellte er fest, wie das Gebäude auf seinen Brandsatz mit dem Freisetzen von Stickstoffwolken reagierte. Während sich aus dem Kragen der Rüstung ein dreieckiger Beatmer um seinen Mund schloss, würde sonst niemand mehr durch diese Gänge finden. Und wenn der Stickstoff sich verzogen hatte, würden Zähler und er bereits am Ziel sein.

Er drückte wieder auf Zählers Fernbedienung aber diesmal wollte sich partout nichts tun. Ohne lange zu fackeln, zerschoss er eine Deckenlampe, griff durch das zerschmolzene Glas und zog zwei Kabel hinaus. An Zählers rechter Seite gab es ein Kläppchen, unter dem der verborgene Schaltkreis zugänglich war. Pullman zückte sein Messer. Sobald er die Spitze in den winzigen Spalt des Kläppchens gestemmt hatte, schaltete er es ein und hebelte das Kläppchen auf. Mit einem normalen Messer wäre dies unmöglich gewesen, aber Pullmans Klinge vibrierte im ultrahohen Bereich und trennte so ziemlich alles auf, solange es nur einen Ansatzpunkt für die Klinge gab. Vorsichtig steckte er die Kabel unter Zählers Verkleidung.

Es gab ein elektrisches Brummen und die „Augen“ des Androiden leuchteten wieder.

„Wie viele Feinde haben Sie ausgeschaltet?“, war das Erste, was er von sich gab. Der gute Zähler. Immer effizient in seiner Denkweise.

„Fünf!“

„Nur fünf?“ Obwohl eine Kalkulation dazu wahrscheinlich gerade hinter seiner Stirnplatte ratterte, ersparte er sich zum Glück jede Bemerkung über die verbleibende Gegneranzahl.

„Die gute Nachricht ist, dass sich zwischen den Laboratorien und uns kein menschliches Wesen mehr aufhält.“ Den Grund dafür brauchte Pullman nicht zu nennen. Auch wenn der Automaton kein atmendes Wesen war, hatte man Messgeräte in seinem Kopf installiert, die jede Umweltbedingung ausreichend analysieren konnten.

Wie prognostiziert kamen sie unbehelligt bis vor die Halle des Forschungsbereichs, in der das Zugangstor zu den Hochsicherheitslabors lag. Da in der Luft wieder ausreichend Sauerstoff war, zog sich der Beatmer in den Brustpanzer zurück. Pullman ging auf der linken Seite des Eingangs in die Hocke. Dann checkte er Karte und Bildmaterial. Wenn sich auf der anderen Seite dieser Halle ein großes, rundes und hermetisch abgeriegeltes Tor befand, waren sie an der richtigen Stelle.

Und sie waren offensichtlich goldrichtig. Als sie in die Halle traten und Pullman gerade argwöhnisch dachte, dass es ihnen trotz allem doch sehr rasch gelungen war, in diese hochsensible Zone des Konzerns einzudringen, musste er feststellen, dass das Rundtor nicht das Einzige war, was zwischen ihnen und den Laboratorien lag.

Zehn voll aufgerüstete Kampfroboter blockierten ihren Weg. Klobige Ungetüme, die sofort anfingen zu schießen.

Zähler brachte blitzartig seinen Schildarm zwischen Pullman und die erste Salve. Trotz der Schnelligkeit des Androiden fing sich Pullmans Körperpanzer einen Treffer. Eine Stichflamme versengte sein Ohr, aber er spürte es nicht. Der Prämienhund fiel in die Hocke und holte mit ein paar präzise gezielten Knieschüssen die beiden grausilbernen Kolosse von den Beinen, die links und rechts Streufeuer mit Repetierkanonen austeilten. Alles geschah noch bevor Zählers Reflektorschicht durchgeschmolzen war.

„Neun und acht!“, kommentierte der ihren Erfolg nüchtern.

In der Zwischenzeit kamen drei Granatengeschosse von der Gegenseite angeflogen. Exakt gezielt, aber zu langsam für Pullman und Zähler. In unzähligen Gefechten dieser Art erprobt, warfen sich der Roboter und Pullman zur Seite, sobald sie das Fauchen des Abschusses hörten. Die Geschosse landeten im Korridor hinter der Halle und verwandelten ihn in einen Flammentunnel. Ein nützliches Hindernis für eine etwaige Verstärkung.

Zähler schnappte sich einen von den kleinen Containern, die überall herumstanden, und warf ihn mit einer ächzenden Rumpfdrehung gegen die feindliche Truppe. Sofort setzte Pullman nach. Er rannte dem Container hinterher, und während die acht verbliebenen Verteidiger dem aufschmetternden Stahlbehälter auswichen, sprang Pullman oben drauf. Er drehte sich nach links und deckte eine der Vierergruppen mit Salven aus seinem schweren Blastergewehr ein.

Die empfindliche Stelle hinter den Metallkrägen der Androiden war schwer zu treffen, aber von dem erhöhten Standpunkt aus und bei der frisierten Schussfrequenz seiner Waffe haute es hin. Innerhalb von Sekunden waren zwei Gegner am Boden und einer stolperte ohne Kopf umher. Dem letzten sprang Pullman direkt vor die Füße und rammte ihm mit aller Gewalt sein Messer in die empfindliche Kinnpartie. Aus den Visorezeptoren stoben Funken. Pullman machte einen Schritt zur Seite. Der Roboter donnerte neben ihn.

„Sieben … sechs, fünf … vier.“ Zählers gelbe Hochenergiegeschosse fällte den Rest der Truppe, noch bevor die sich umorganisiert hatten. „Dreizweieins. Fertig!“

Die Waffen schwiegen. Zählers Repetiertrommel sirrte noch nach.

Bedauernd verzog Pullman die schwarzen Augenbrauen.

„Vielleicht weißt du unsere Partnerschaft jetzt mal endlich zu schätzen, Zähler. So sieht das nämlich aus, wenn man einer unflexiblen Programmierung zum Opfer fällt.“

Zähler schloss zu ihm auf und räumte die Reste vor dem Tor weg.

„Vielleicht hätten Sie bei ROBOT-A als Programmierer anheuern sollen.“

Was Zählers Kommentar wirklich Biss verlieh, war die Tatsache, dass er es absolut ernst meinte. Maschinen verfügten nicht über Sarkasmus. Pullman winkte ihn zur Seite.

„So. Wenn auch dieser Code stimmt, dann müssen wir nur noch den Kopf holen und uns durch die Kanalisation absetzen.“ Hastig tippte er die Zahlenfolge ein, die ihm der kleine, wieder ausgeklappte Bildschirm aus seinem Brustpanzer verriet.

Mit einem mechanischen Seufzen lösten sich die Ränder der Tür. Zwei große Scharnierarme schwenkten sie nach innen.

In der achteckigen Kammer, die sich öffnete, stand ROBOT-As wohlgehütetes Geheimnis: ein Raum voller humanoider Kampfmaschinen, die größer waren als Zähler und noch wesentlich Ehrfurcht gebietender. Wahre Giganten. Aber was sie angeblich so gefährlich machen sollte, war eben jene Programmierung, mit der Pullman schon bei den Wächtern vor dem Tor gerechnet hatte. Schenkte man ihrem Auftraggeber Glauben, waren sie kreativ, anpassungsfähig und absolut tödlich.

Zum Glück war zu dieser Phase des Projekts keiner von ihnen eingeschaltet. Alle standen im Halbdunkel an Arbeitsstationen herum und blickten aus leeren Augenhöhlen ins Nichts.

Während Pullman sich auf die Suche nach ihrem Zielobjekt machte, deckte Zähler den Eingang.

Die Automatons hatten alle einen dieser flachen runden Köpfe, an denen hinten ein halb umlaufender Nackenschutz gesetzt war. Genau wie der, den er suchen sollte. Nur dass sein Zielobjekt ohne Körper in einem verglasten Fach an der Wand untergebracht sein würde.

Pullman ging zur Hauptkonsole nahe einer Wand zur Linken und steckte einen kleinen rechteckigen Bypasser hinein. Nun hatte er mittels des Holowürfels, den das Gerät vor sein Gesicht projizierte, Zugriff auf alle Funktionen des Raumes, ohne dass die Zentralstelle davon Wind bekam. Er musste nur die Innenbeleuchtung für die Fächer der hinteren Wandabschnitte einschalten und sie entriegeln.

Drei Wände erhellten sich und alle Türchen der quadratischen weißen Fächer klackten.

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