DIE SINISTRA

Prolog


„Sie hätten sich niemals mit Sterling Crane überwerfen dürfen.“

„Halt dein Sprechloch, Zähler! Wenn ich eine Einschätzung hören will, frage ich danach.“ Es war zum Kotzen. Zu jeder vollen Stunde nervte Zähler Pullman mit seiner blechernen Litanei. Man konnte den Chronometer danach stellen. Im Stillen musste Pullman dem Automaton allerdings recht geben. Vor allem wenn man den Grund des Streits mit Crane bedachte. Eins Komma fünf Prozentpunkte bei der Prämienaufteilung waren echt eine Lappalie. Leider verließ Pullman jene Abgeklärtheit, die ihn in Gefechten so auszeichnete, bei Verhandlungen jedes Mal. Vielleicht sollte er auch diesen Teil des Geschäfts lieber Zähler überlassen.

Andererseits hatte Crane ihm schon immer ein ungutes Gefühl beschert. Der Mann würde die Geschlechtsorgane seiner eigenen Tochter an eine dieser reichen unfruchtbaren Vetteln aus der Oberschicht verschachern, ohne mit den Augenwinkeln zu zucken.

Früher war das anders gewesen. Im Kampf hatte Pullman sich stets auf den rattenflinken Crane verlassen können. Aber seit der die Seiten gewechselt hatte, vom Prämienhund zum Rekrutierer geworden war, da konnte man ihm nur noch trauen, wenn man beim Aufteilen der Provisionen selbst dabei war.

Pullman hätte am liebsten ausgespuckt, aber der robuste Zweisitzer, in dem er und Zähler saßen, war sein eigener. Abrupt musste er den Gleiter nach rechts ziehen, damit sie nicht mit einem der riesigen Antennenmasten zusammenstießen. Nachts ohne Höhenausgleich über die Dächer zu fliegen, hatte so seine Tücken.

„Seit wir nicht mehr in Cranes Dienst stehen, hat sich die monetäre Effektivität unserer Missionen um mehr als dreiunddreißig Prozent verschlechtert.“

Zähler konnte die Klappe einfach nicht halten. Das hatte man davon, wenn man seinen Automaton aus betrieblichen Gründen dafür verwendete, sowohl auf Leute zu schießen, als auch die Buchhaltung zu übernehmen: Vorhaltungen!

„Wir werden durch diesen Auftrag so viel Kohle machen, dass für dich sogar ein neuer Anstrich drin ist“, versprach Pullman seinem gewinnorientierten Androiden. Der klobige Zähler hatte schon einige üble Kratzer auf der grauen Tarnlackierung. Da musste er wirklich ein Auge drauf haben. Sonst würde sich irgendwann die eine oder andere Selbstschussanlage anhand dieser Ortungsflecken ein korrektes Körperschema zusammenpuzzeln und dann wäre Pullman um einen Partner ärmer. So nervtötend Zähler auch sein mochte, er konnte es sich nicht leisten, einen neuen seiner Sorte anzuschaffen. Denn, wie Pullman bei jedem Kontocheck schmerzhaft vor Augen geführt wurde, sein Blechkamerad hatte leider recht: Ihre finanzielle Situation war mehr als angespannt.

In der Ferne konnte man durchs Cockpit den nächtlichen Fertigungskomplex von ROBOT-A Inc. erkennen. Der Herrscher über das Wirtschaftsimperium für Handhabungsautomaten, Bellow Kessler, ließ seinen Residenzturm äußerst beeindruckend ausleuchten und der ihn umgebende Industriekomplex wirkte nicht weniger imposant. Allerdings würde beides hinter einer dicken Mauer verschwunden sein, sobald Pullman mit dem Rabiat-Gleiter in der zwei Kilometer entfernten Parkzone runterging.

Nach einigen Minuten wies ihm eine synthetisch-weibliche Stimme über Funk Parzelle 314 zu. Auf dem Holowürfel vor ihm wurde die Position markiert und über ein Meer von abgestellten Personenschwebern fliegend hielt Pullman darauf zu.

Als sie auf dem Boden standen, fiel der kantige Rabiat zwischen all den eleganten Fahrzeugen mit ihren im Scheinwerferlicht glänzenden Dächern auf wie eine fette Ratte in einer Ausstellung für Edelkatzen. Auf dieser Mission war eine Verkleidung nicht von Nutzen. Ein Mietschweber hätte bloß unnötige Kosten verursacht. Nur eine Kleinigkeit musste noch erledigt werden, und die war schon teuer genug gewesen.

Bevor die Türen des Gleiters nach hinten geschoben wurden, verpasste Pullman Zähler die Entwertungsprägung der Dynastieverwaltung. Der Plomber hatte ein Vermögen gekostet, weit mehr als die wirklich miserable Anzahlung.

Zähler neigte das gedrungen schädelartige Haupt und betrachtete die neueste Verunzierung seiner Panzerung.

„Wir sollten die Prägung morgen sofort wieder entfernen lassen, sonst bekommen wir Ärger mit den offiziellen Stellen.“ Hinter seinem grobschlächtigem Äußeren und der tiefen Stimme verbarg sich manchmal eine pedantische Programmierung. Pullman fragte sich, wie er es nur so lange mit den wechsellaunigen Verhaltensparametern seines metallenen Mitstreiters ausgehalten hatte.

„Öl dir nicht in den Sicherungskasten, Zähler. Morgen sind wir beide schon an einem Ort, wo die Gesetze der Dynastie keine Gültigkeit haben.“ Beim Gedanken an die mehr als üppige zweite Rate ihrer Belohnung zeigte Pullman zwei Reihen ungepflegter Zähne. „Aber vorher haben wir noch einen Job zu erledigen. Du weißt ja: Bezahlung bei Lieferung.“

Sie stiegen aus.

Dann bewegten sich die beiden zum hundert Meter entfernten Kabinenhaus am Eingang. Pullman musste zugeben, dass Zähler trotz seines weit zurückliegenden Herstellungsdatums noch mächtig was hermachte. Vor dem Auftrag hatten sie seine Gummierung an den Sohlen entfernt. Jetzt dröhnten seine Schritte so laut über den Asphalt, dass das Team der Wächter aufblickte, bevor sie fünfzig Meter ans Tor heran waren. Sirrend richteten sich die beiden automatischen Geschütze an der Mauer auf den Menschen und den Droiden.

„Was wollen Sie?“, fragte ihn ein dunkel Uniformierter via Lautsprecher. Sein abschätzender Blick galt Pullmans Torsopanzer, dem überlangen Messer und dem vollen Ausrüstungsgürtel. Natürlich war ihm klar, welchem Metier dieser Mann nachging und warum er mitten in der Nacht hier antanzte.

„Ich muss den hier …“, Pullman hatte Mühe auf Zählers Schulterpanzer zu klopfen, „… leider einstampfen lassen. Keine Unbedenklichkeitsverlängerung mehr.“ Seine Miene verfinsterte sich. „Er hat mich mal ´ne ganze Stange gekostet. Krieg ich wenigstens noch den Materialwert für ihn?“

Der Wächter schüttelte den Kopf, während sein jüngerer Kollege sich rüberbeugte und sagte: „Seien Sie froh, dass Sie für die Entsorgung nichts zahlen müssen. Eigneridentifikation?“ Diese beiden arroganten …! In dieser Stadt genossen Prämienhunde kein sehr hohes Ansehen. Aber Morgen würde alles anders werden. Dann musste er sich nicht mehr mit solchen Arschgesichtern rumkriegen.

Pullman kramte einen alten Datenstick aus seiner Tasche und steckte ihn mit übertriebener Übellaunigkeit in die dafür vorgesehene Öffnung vor der Trennscheibe.

„Geldschneider“, murmelte er in seinen Stoppelbart, aber die Wächter ignorierten ihn. Als die Lampe des Datensticks grün leuchtete, nahm er das fingergliedlange Gerät wieder an sich. Zählers Daten waren jetzt gelöscht und in den Zentralrechner des Komplexes gespeist. Viel würde der damit jedoch nicht anfangen können.

„Führen Sie ihn in die Kabine!“

Pullman führte Zähler zu einer drei Meter hohen Zelle neben dem Wächterhäuschen. Die Tür stand offen, senkte sich aber sofort langsam, nachdem Zähler hindurchgegangen war. Täuschte sich Pullman oder ließ der Automaton tatsächlich den Kopf ein wenig hängen? Seine Fantasie musste ihm einen Streich gespielt haben. Zähler war ein Profi.

„Angenehme Nacht noch“, schallte es aus dem Lautsprecher an der Ecke und Pullman tat so, als ginge er zurück zum Rabiat-Gleiter. In Wirklichkeit lief er, sobald er außer Sichtweite der Wächter war, auf einem vorher genau geplanten Weg wieder zur der dicken Betonmauer zurück. Er hielt erst an, als er sich sicher sein konnte, eine von seinem Auftraggeber beschriebene Stelle erreicht zu haben.

Aus seinem Brustpanzer klappte ein kleiner Bildschirm, der Pullmans vernarbtes Gesicht bläulich beleuchtete. Vor ihm flammte eine vollständige Karte des Geländes mit den Standorten aller Sicherheitseinrichtungen auf. Er würde einen Auftraggeber nie fragen, woher er seine Daten bezog. Zu wenige Fragen konnten einem das Leben, aber zu viele Fragen den Auftrag kosten. Das war ein unausgesprochenes Gesetz der Prämienhunde. Trotzdem interessierte es ihn brennend, durch welche Lücke dieses Füllhorn an Informationen wohl gerutscht war.

Aus der größten seiner Gürteltaschen zog er einen zunächst unidentifizierbaren, in durchsichtige Folie eingeschweißten Gegenstand hervor. Beim Herausnehmen stellte sich dieser Gegenstand schnell als eine Leiche heraus. Ein toter Vogel. Er warf das stinkende, blutige Bündel über die Mauer.

Es zischte und funkte. Zwischen den gebogenen Pfählen auf der Mauerkrone entluden sich bläuliche Blitze. Alarmleuchten flammten auf und ein Suchscheinwerfer von einem Dach weiter hinten im Gelände nahm den brennenden Vogel ins Visier. Es roch nach verbranntem Fleisch und verschmorten Federn.

Sofort entfernte Pullman sich vom Ort des Geschehens. Die Wachen würden nicht lange auf sich warten lassen. Da machte es sich schlecht, wenn er noch an Ort und Stelle herumstand.

Ungefähr fünfhundert Meter weiter blieb er stehen. An der Stelle, an der der Vogel gegrillt worden war, konnte man die Positionsleuchten einer Suchdrohne sehen und leise Rufe vernehmen. Wenn Pullman sich beeilte, wäre er weit genug weg, sobald sich das Sicherheitsteam diesem Mauerabschnitt zuwandte.

Das Alarmgitter auf der Mauer würde nur so lange ausgeschaltet bleiben, bis die Wachen den Vogel entsorgt hatten. Er musste sich also sputen. Aus seinen plattenverstärkten Stiefeln schossen Kletterkrallen. Damit und unter Zuhilfenahme seines Seilwerfers war er in Nullkommanichts auf der Mauer. Dort schnitt er ein Loch in den fast unsichtbaren Draht, der zwischen die Pfähle gespannt war. Nur so groß, dass er gerade hindurchpasste. Auf der anderen Seite benutzte er kleine Metallspangen, um das Stück wieder einzusetzen. Wenigstens vorerst würde sein Eindringen unbemerkt bleiben. Die altmodischen Methoden waren oftmals die besten. Und die preiswertesten.

Schließlich sprang er von der Mauer und verschwand in der Dunkelheit.

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